23. August 2004
Bericht der DPA (Deutsche Presse Agentur)
Ein Zahnarzt in Polen. Lange Reise, halber Preis.
Jeder fünfte Patient im Nachbarland kommt aus der Bundesrepublik
VON SOPHIA-CAROLINE KOSEL
Neubrandenburg/Stettin/dpa - Wenn Horst Schild zu seinem
Zahnarzt fährt, sitzt er knapp sechs Stunden im Zug und überquert
die frühere EU-Außengrenze. Obwohl es in seiner Heimat Minden
in Westfalen genügend Zahnarztpraxen gibt, nimmt er diese
Strapaze in Kauf. Schild lässt seine Zähne im polnischen
Stettin auf Vordermann bringen. In der Zahnklinik Hahs, die
der Westfale regelmäßig besucht, ist er bei weitem nicht
der einzige Deutsche. Jeder fünfte Patient kommt aus der
Bundesrepublik.
"Wir laden Sie herzlich ins Ausland ein", heißt es auf der
Internetseite der in einer 6000-Quadratmeter großen Villa
untergebrachten Zahnklinik. "Bei uns ist der Patient in der Mitte
und um ihn herum der Zahnarzt, seine Assistentin, die Empfangsdame
und die Putzfrau", sagt Marcin Gaborski, Schwiegersohn des
Klinikchefs und gelernter Ökonom. Der 30-Jährige managt das
Team: elf Deutsch oder Englisch sprechende Zahnärzte, acht
Arzthelferinnen und sieben Zahntechniker.
Stolz zeigt Gaborski die acht Behandlungsstühle. "Wir können
acht Patienten parallel behandeln. Weil das oft nicht reicht,
kaufen wir jetzt noch zwei weitere Stühle." Nur jeder zweite
Patient in der 20 Jahre alten Zahnklinik ist Pole. In Stettin,
wo es rund 3000 Zahnärzte gebe, sei dies für die Einheimischen
eine Luxusklinik, sagt Gaborski. Jeder fünfte Patient komme
aus Deutschland, jeder vierte aus Dänemark. "Hier zahle ich
nur den halben Preis", sagt eine 59- jährige Dänin, die Urlaub
und Zahnarztbesuch miteinander verknüpft.
Auch Horst Schild, der im Juni eineinhalb Wochen lang täglich
auf einem Hahs-Zahnarztstuhl saß, spart die Hälfte. Für Ausländer
sind die Preise günstiger als in der Heimat, weil die polnischen
Zahnärzte weniger Miete und niedrigere Löhne zahlen. "Zuerst
haben wir die ausländischen Patienten mit einem niedrigen
Preis überzeugt, jetzt wollen wir sie mit Qualität an uns
binden", sagt Gaborski.
Dass der Zahnarztbesuch im Ausland jedoch auch Risiken birgt,
ergab eine Studie der Universität Mainz und des Medizinischen
Dienstes Rheinland-Pfalz. Nur jeder vierte Befragte gab an,
mit dem Zahnersatz aus dem Ausland zufrieden zu sein. Die
Mehrheit musste sich in Deutschland nachbehandeln lassen
- und hatte unter dem Strich höhere Kosten.
In der Patientenkartei der Zahnklinik sind Berliner, Münchner
und Hamburger zu finden. Aus der deutsch-polnischen Grenzregion
in Mecklenburg-Vorpommern sind aber nur wenige Zahnpatienten
gen Osten gewandert. "Eine Massenflucht hat nach dem 1. Mai
nicht eingesetzt", sagte ein Sprecher der Zahnärztekammer
des Landes. Aber die unweit der Grenze praktizierenden Kollegen
seien verunsichert. Sie rechnen damit, dass der Medizintourismus
im Zuge der Ausgliederung der Zahnarztleistungen aus der
Gesetzlichen Krankenversicherung zunehmen wird.
So oder so: Der Westfale Schild ist nach eigenen Angaben
so zufrieden, dass sich nun auch seine Lebensgefährtin die
Zähne in Polen machen lässt. Im Internet hatte er nach günstigen
Zahnbehandlungen in Osteuropa gesucht und war auf die Stettiner
Dentisten gestoßen. Seit es die von der EU geförderte Internetseite
gebe, nehme das Interesse aus dem Ausland zu, sagt Gaborski.
Auch von der EU-Erweiterung profitiere die Zahnklinik. "Seit
dem 1. Mai kommen mehr Deutsche. Sie haben jetzt weniger
Angst, nach Polen zu kommen."
Deutsche Presse-Agentur GmbH (dpa)
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